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23. Oktober 2017

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Bücher

Buchrezension: Das museale Format Wanderausstellung. Die nachhaltige Esskultur

Formate zu Themen der Alltagskultur zu entwickeln und zu steuern, kann eine komplexe Herausforderung sein. Ihr widmet sich die Arbeit der Kulturmanagerin Irene Doris Wild. Leider wird sie dem Schwerpunkt des musealen Formats Wanderausstellung, der nach dem Titel zu vermuten wäre, dabei trotz der Entwicklung eines modellhaften Ausstellungskonzepts nicht gerecht.

Worum es geht

Die Publikation „Das museale Format Wanderausstellung. Die nachhaltige Esskultur“ wurde als Abschlussarbeit des Studiengangs „Management von Kultur- und Non-Profit-Organisationen“ (M.A.) an der TU Kaiserslautern erstellt und anschließend unverändert im Wissenschaftlichen Verlag Berlin veröffentlicht. Sie stellt den Versuch dar, einen Lösungsbeitrag zur o.g. Problematik zu entwickeln. Das Hauptziel ist dabei die Konzeption einer Wanderausstellung, die als „Modellprojekt mit Synergieeffekten“ zwei Ebenen vereinen soll: auf der administrativen Seite das „reflexive Kulturmanagement“ und inhaltlich das esskulturelle Feld „wilde Küche“. Überdies will das Modellprojekt Kooperationsbildungen zwischen NPOs und Kreativwirtschaft ermöglichen und diese einem breiten Publikum öffnen.

Die Arbeit wird mit einer empirischen Fallstudie eröffnet. Darin ermittelt die Autorin die Konstitution des Managements solcher Non-Profit-Organisationen (NPOs), die ein Interesse am Themenkomplex „wilde Küche“ und somit potentiell auch an einer Wanderausstellung zu diesem Thema als Kulturangebot und Vermittlungsformat haben. Der sich anschließende theoretische Teil bettet das Kulturphänomen Esskultur kulturtheoretisch ein. Darauf aufbauend, stellt die Autorin dessen für die Ausstellungsvermittlung kunstkommunikativ bedeutsame Aspekte heraus und zeigt, wie eine besucherorientierte Wanderausstellung zu diesem Thema nebst Begleitprogramm aus Sicht des Kulturmanagements geplant werden kann. Die Arbeit schließt mit der Vorstellung des Ausstellungskonzepts und einer kurzen Selbstkritik.

Gemanagte Esskultur als Chance für NPOs

Die Legitimation des Ausstellungsthemas Esskultur gelingt über Verweise auf aktuelle Medienbeiträge, Veranstaltungen und Ausstellungsformate, die Essen, Nahrungsmittel und die sie begleitenden Kulturtechniken behandeln. Im Fokus stehen dabei vor allem konsum- und gesellschaftskritische Inhalte zu gängigen und oft unhinterfragten Ernährungsweisen im Vergleich zu der hier vorgestellten, beinahe heilsbringenden Wirkung der „wilden Küche“.

Eine, durch Kulturmanager*innen professionell gemanagte, Wanderausstellung zum Thema soll nun die Zusammenarbeit zwischen gemeinnützigen und marktorientierten Kulturakteuren fördern. Die Notwendigkeit dafür konstatiert die Autorin aufgrund hemmender Faktoren in der Entwicklung innovativer Kulturangebote durch NPOs. Hierbei schließt sie an den Diskurs prekärer Beschäftigungs- und Finanzierungsverhältnisse im dritten Sektor an. Dabei bezieht sie sich auf steigende Ansprüche seitens der Besucher*innen und Geldgeber*innen bei gleichzeitig sinkenden personellen und finanziellen Ressourcen und zunehmender Konkurrenz. Sie führen laut der Autorin dazu, dass es nur schwerlich möglich ist, innovative Kulturangebote für den guten Zweck bei gleichzeitig fairen Rahmenbedingungen für die Kulturschaffenden umzusetzen – diese ideellen und wirtschaftlichen Gründe hindern verunsicherte NPOs demnach an Kooperationen mit Kreativen und Kulturschaffenden.

Doch beurteilt die Autorin solche Sektoren übergreifenden Kooperationen als wichtige Komponente eines professionellen und innovativen Kulturmanagements. Um entsprechenden Schwierigkeiten entgegenzuwirken, präsentiert sie (als Akteurin der marktorientierten Kreativwirtschaft) deshalb als (neuen?) Lösungsansatz ein sogenanntes Low-Budget-Wanderausstellungsprogramm, das gegen Gebühr an NPOs vermittelt werden kann. Als nachhaltiges Kulturprogramm mit gesellschaftlicher Wirkkraft soll dieses Format so anpassbar sein, das es auf deren spezifische Bedürfnisse und Zielgruppen reagieren kann.

Als Vorteil der Schlüsselfunktion „Kooperation“ zwischen der Kultur- und Kreativwirtschaft und dem dritten (gemeinnützigen) Sektor werden Synergieeffekte genannt, jedoch nicht weiter erläutert. Weswegen das Format Wanderausstellung sich im Vergleich zu anderen Konzepten besonders gut dafür eignet, Kooperationshemmnisse abzubauen, bleibt ebenso unklar.

Eindrücke und Beurteilung

Die Arbeit legt die Relevanz des Themenfelds nachhaltige Esskultur und den Kontext zu Kulturmanagement und Kunstkommunikation gelungen dar. Ebenso ist das Konzept einer Wanderausstellung zur „wilden Küche“, die gesellschaftliche Leitthemen wie Nachhaltigkeit, Lebenslanges Lernen und Vielfalt interdisziplinär verhandeln will, als wichtig, gesellschaftlich anschlussfähig und zukunftsweisend zu beurteilen. Jedoch wird ihre kunstkommunikative „Wirkung“ auf die Rezipienten bisweilen überhöht, vermutlich aus Gründen der persönlichen Nähe der Autorin zum Thema. So versteht sie das Format als Ausweg der Ausstellungsbesucher*innen aus ihrer bisherigen Situation als „fremdgesteuerte Bürger“ in der Umgebung einer „um sich greifenden Vollkaskomentalität“.

Aus museumswissenschaftlicher Perspektive stellt das entwickelte Ausstellungskonzept keinen Mehrwert gegenüber anderen Bildungs- oder Erlebnisformaten dar, weil es vornehmlich über Bild- und Texttafeln, die als Objekte bezeichnet werden, sowie partizipative Veranstaltungsangebote (Sammeln, Kochen, Essen) argumentieren will. Schwach dargelegt werden zudem die konkreten Strategien für das Ausstellungs- und Kulturmanagement, deren problematische Ausganglage doch den Kern der Arbeit ausmacht. Wie das ausgearbeitete Kulturangebot zielführend für Kooperationen zwischen Kultureinrichtungen, Kreativwirtschaft und NPOs genutzt werden kann, bleibt offen. Vielmehr scheint es Anliegen der Autorin zu sein, „ihre“ Wanderausstellung „touren“ zu lassen und in den NPO´s die entsprechende Zielgruppe zu erkennen.

Die Ausführung der wissenschaftlichen Arbeitsweise ist ebenfalls zu bemängeln – die empirische Studie ist kaum an den problemzentrierten Forschungsstand angeschlossen. Insgesamt fehlt es oft an (Literatur-)Verweisen auf bestehende Theorien und Konzepte. Weiter werden schematische Kreisläufe und Tabellen, die aus der Feder der Autorin stammen, nur unzureichend erläutert und im Modellprojekt nicht angewendet.

Fazit

Das Buch ist besonders Leser*innen zu empfehlen, die sich thematisch für das Feld Esskultur und im speziellen für die „wilde Küche“ interessieren. Der Bezug zum Kulturmanagement überschneidet sich weitgehend mit Bereichen des Ausstellungsmanagements. Über das museale Format Wanderausstellung hingegen werden wenig neue Erkenntnisse vermittelt, die nicht auch schon im „Manual of Temporary and Travelling Exhibitions“ der Unesco (1953) oder bei Barry Lord und Maria Piacente im „Manual of Museum Exhibitions“ (2014) nachzulesen wären.

Ria Marleen Glaue schloss den Master „Museum und Ausstellung“ an der Universität Oldenburg mit einer Arbeit über die Vermarktung von Wanderausstellungen über Online-Ausstellungsbörsen ab. Dabei untersuchte sie die Nachhaltigkeit von Wanderausstellungen und leitete daraus die Forderung nach einer professionellen, interdisziplinären und überregionalen Plattform ab. Derzeit ist Ria Glaue im Deutschen Fahrradmuseum beschäftigt, wird aber demnächst das Team Wechselausstellungen bei der DASA Arbeitswelt Ausstellung unterstützen.

Weitere Beiträge zum Thema

Ria Marleen Glaue
29.09.2017, Julia Jakob
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